Der Autovampir

Upír z Feratu

Der Autovampir (OT: Upír z Feratu); Regie: Juraj Herz; Tschechoslowakei, 1981.

Darsteller:
Jirí Menzel (Dr. Marek), Dagmar Havlová (Mima (als Dagmar Veskrnová)), Jana Brezková (Luisa / Klára Tomásová), Petr Cepek (Kriz), Jan Schmid (Dr. Kaplan), Zdenka Procházková (Madame Ferat), Blanka Waleská (Luisas Großmutter), Zdenek Ornest (Geschäftsleiter Ferat Motors) …

Inhalt:
Die Fahrerin eines Sportwagens der neuen Marke Ferat bittet den Notarzt Dr. Marek und seine Assistentin Mima um Hilfe, weil ihr rechter Fuß schmerzhaft geschwollen ist. Wenig später trifft das Rettungsteam erneut auf den Ferat, der über eine Böschung gerast und verunglückt ist. Sie geraten in die undurchsichtige Welt des geheimnisvollen Ferat Rallye Teams. Während Mima sich ihrer Vergangenheit als Rallyefahrerin erinnert und sich vom Team für Testfahrten anwerben lässt, kommt Dr. Marek der schrecklichen Wahrheit auf die Spur. Der Ferat ist ein Vampirauto, das mit dem Blut seiner Fahrerinnen fährt.

Kritik:
Bis heute hat die in den 1970er und 1980er Jahren ausgestrahlte ZDF-Sendereihe »Der phantastische Film« einen legendären Ruf. Für viele Filmfans war sie der erste Zugang zu Horror- und Gruselstoff wie der Dracula-Reihe mit Christopher Lee oder den Edgar-Allan-Poe-Filmen mit Vincent Price. Aber die Reihe bot auch in deutscher TV-Erstausstrahlung memorable Kuriositäten wie die Ostblockfilme „Der Rattengott“ oder eben „Der Autovampir“.

Der Plot des 1981 in der Tschechoslowakei entstandenen Films klingt nach haarsträubendem Trash: Ein Rennauto ernährt sich vom Blut seiner Fahrerinnen, was diese zu einem langsamen Siechtod verdammt. Doch Juraj Herz, dessen Œuvre von opulenten Märchenfilmen wie „Der Froschkönig“ bis hin zu verstörenden Grotesken wie „Der Leichenverbrenner“ reicht, inszeniert seinen „Vampir aus dem Ferat“ (Alternativtitel) durchaus ernsthaft, wobei die Story als eher lakonische denn grimmige Kritik an Konsumismus und PS-Wahn gelesen werden kann – schon der Vorspann, der u. a. ein Bild von Theodor Pištek mit Motiven aus der Welt des Autorennens und Markenemblemen wie Coca-Cola und Marlboro abscannt, deutet darauf hin. Mit Blick auf den skrupellosen Ferat-Konzern werden aber auch – durchaus subversiv – Themen wie Manipulation und Zensur behandelt.

Held der Geschichte ist der mit seiner viel zu großen Nerdbrille über weite Strecken eher hilflos und verletzlich wirkende Dr. Marek, der ein Auge auf seine hübsche Assistentin Mima geworfen hat (gespielt von Dagmar Veskrnová, die später den Staatspräsidenten Václav Havel heiraten sollte). Während Mima immer weiter in die Fänge der Ferat-Gesellschaft gerät und ganz in den Bann des rätselhaften Autos gesogen wird, stolpert Dr. Marek von einem Alptraum in den nächsten. Ein leicht durchgeknallt wirkender Wissenschaftler namens Dr. Kaplan eröffnet ihm das Geheimnis ums Vampirauto, und er bekommt es mit der rätselhaften Klára zu tun, die der angeblich tödlich verunfallten Rennfahrerin Luisa wie aus dem Gesicht geschnitten ist, jedoch angibt, ihre Schwester zu sein.

Ein reiner Horrorfilm ist „Der Autovampir“ nicht, eher ein dystopischer Verschwörungsthriller, der gekonnt mit Versatzstücken des Horrorgenres spielt und diese in einen neuen Kontext überführt. Mit Stummfilmreminiszenzen (als Film im Film mit Juraj Herz als Dracula) werden die Parallelen teilweise auf dem Silbertablett serviert, doch Genrekenner dürfen sich auch über zahlreiche Anspielungen freuen: So bezieht sich der Originaltitel „Upír z Feratu“ wortspielerisch auf Nosferatu, und die Namen der Protagonistinnen Mima und Luisa lassen sicher nicht zufällig an die Dracula-Opfer Mina und Lucy aus Bram Stokers berühmtem Roman denken. Gleichzeitig geht vom Vampirauto ein Horror Cronenberg’scher Prägung aus, insbesondere in der – von der Zensur leider etwas gekürzten – Traumszene, in der Dr. Marek die pulsierende Abdeckung des organischen Ferat-Motors aufschneidet, mit dem Arm hineingreift und dabei vom Ferat fast gefressen wird. Eher klassischen Grusel bescheren die durchaus atmosphärischen Szenen in der Autopsie oder in der nächtlichen Kirche.

Kritik und Faszination des Automobils: In „Der Autovampir“ ist beides enthalten. Gleich mehrfach thematisiert Juraj Herz die Entfremdung des Automobilisten von seiner Umwelt; direkt am Anfang stößt der Protagonist auf blanke Gleichgültigkeit, als er in einer Unfallszene im Stau von Auto zu Auto geht und um Hilfe bittet – . Später wird er Zeuge, wie eine alte Frau stirbt, die die zu kurze Grünphase an einem Fußgängerüberweg nicht schafft und sich auf dem Mittelstreifen vom Verkehr umtost wiederfindet – sie wird nicht überfahren, sondern Aufregung und Angst sind zu viel für sie. Und auch Dr. Marek selbst kommt um ein Haar ums Leben, als sein kleiner Fiat 500 im Stau – mehr oder minder versehentlich – zwischen zwei Lastwagen zermalmt wird. Szenen, die in ihrer Absurdität das ein oder andere Mal an Jean-Luc Godards „Week End“ von 1967 denken lassen.

Auf der anderen Seite wird gerade in den Rennszenen – die Aufnahmen von der internationalen „SKODA 81“-Rally zeigen – die Attraktion, die vom Auto und vom Rallyegeschehen ausgeht, klar in den Vordergrund gestellt. Speziell die Bilder, wie sich die Rallyeautos mit ihren Fernscheinwerfern einen Weg durch die Nacht fräsen, sind von hohem ästhetischen Reiz. Das Vampirauto selbst – eigentlich ein 1971er Prototyp von Škoda, ein kantiger schwarzer Keil – wirkt wenig bedrohlich, was den Plot aber nicht schmälert. Denn zum einen personifiziert sich das Böse eher im Ferat-Konzern, insbesondere in der eiskalten Madame Ferat, zum anderen funktioniert das Vampirauto nach dem Prinzip der Verführung, indem es die Fahrerinnen in eine Art psychische Hörigkeit zieht – wie sich besonders im tieftraurigen Finale zeigt.

Gemessen an heutigen Sehgewohnheiten und cineastischen Ansprüchen wirkt der Film noch um einiges kurioser, als er es zu seinem Erscheinen schon tat. Doch als ebenso souveräne wie zeitlose Parabel um die Absurditäten der zunehmenden Motorisierung und als origineller Transfer des Vampirismus in die technische Welt sollte der rare Streifen, dessen deutsche DVD-Veröffentlichung leider noch aussteht, nicht nur bei Trashfans auf große Sympathie stoßen – zumal die Handlung durchaus einige originelle Wendungen bietet.

Weitere Infos zum Film:
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Reviewdatum: 11. November 2013

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