Jesus Christ Superstar

Jesus Christ Superstar

Jesus Christ Superstar (OT: Jesus Christ Superstar); Regie: Norman Jewison; USA, 1973.

Darsteller:
Ted Neeley (Jesus Christus), Carl Anderson (Judas Iscariot), Yvonne Elliman (Maria Magdalena), Barry Dennen (Pontius Pilatus), Bob Bingham (Kaiaphas), Larry Marshall (Simon Zealotes), Josh Mostel (König Herodes), Kurt Yaghjian (Annas), Paul Thomas (Peter), Pi Douglass (Apostel), Richard Orbach (John), Robert LuPone (James), Jonathan Wynne (Apostel), Thommie Walsh (Thaddeus), Richard Molinare (Andrew) …

Inhalt:
In Jerusalem hat Jesus Christus eine Jüngerschar um sich versammelt, die ihn als Propheten und Wunderheiler verehrt. Die Pharisäer sehen es mit Sorge und beschließen, dass Jesus sterben muss. Aber auch Judas sieht das Treiben kritisch und verrät Jesus an die Römer. Erzählt werden die letzten sieben Tage von Jesus: Die Vertreibung der sündigen Händler aus dem Tempel, das letzte Abendmahl und Jesus‘ einsame Nacht im Garten Gethsemane, der Verrat des Judas, Jesus‘ Festnahme und Verhör durch Pontius Pilatus und Herodes, die Kreuzigung.

Kritik:
„You’ll have to decide whether Judas Iscariot had God on his side“, sang Bob Dylan 1963 und inspirierte damit angeblich das Dreamteam Tim Rice und Andrew Lloyd Webber Ende der 60er zu einem Musical, dessen Soundtrack und Verfilmung wie Monolithen in der Kulturlandschaft stehen. Erzählt wird nichts Geringeres als die Passionsgeschichte von Jesus Christus – aus der Sicht von Judas. Als Doppelalbum in edler Pappbox verkaufte sich das Werk Anfang der 70er Jahre besser als das rote Beatles-Album, Jesus‘ Stimme übernahm hierbei ein echter Superstar seiner Zeit, Ian Gillan, Sänger von Deep Purple. So war es nur konsequent, auch über einen Film nachzudenken.

Die Regie übernahm Norman Jewison, der auch schon das Musical „Anatevka“ auf Zelluloid gebannt hatte. Schon aus Budgetgründen wurden anfängliche Überlegungen mit großen Massenszenen schnell ad acta gelegt, sie hätten das Ganze auch zu sehr in Richtung Monumental- und Sandalenfilm geführt und letztlich den Blick auf den Musical-Kern verstellt. Stattdessen entschied sich Jewison für einen bewusst kargen Ansatz: Gedreht wurde an den Originalschauplätzen in der Negev-Wüste in Israel inmitten antiker Ruinen, und schon der Anfang macht Jewisons Vorgehensweise des bewussten Bruchs mit Illusionen deutlich: Eine fidele Hippietruppe fährt mit einem Bus vor, lädt Requisiten wie das hölzerne Kreuz ab und macht sich dann darauf, die Passionsgeschichte aufzuführen. Entsprechend fährt am Ende auch wieder der Bus ab. Und immer wieder streut Jewison Requisiten der Neuzeit ein: Die Römer sind mit Stahlhelmen ausgestattet und teilweise mit Maschinenpistolen bewaffnet, Judas‘ Gewissensnöte werden illustriert durch Panzer, die ihn jagen, und Armeejets, die über ihn hinwegfliegen, und Versammlungsort der Pharisäer ist ein Baugerüst.

Diese minimalistische, vielfach gebrochene Inszenierung, die den Film immer wieder in die Nähe einer Bühnenaufführung rückt, kontrastiert mit bestechend schönen Naturaufnahmen von Kameramann Douglas Slocombe, der es versteht, die grandiosen Eindrücke der Wüstenlandschaft als metaphorischen Unterbau für die zeitlose Geschichte um Verrat und Tod von Jesus akzentuiert einzusetzen. Dem Konzept der Rockoper folgend – oder es eigentlich erfindend, „Tommy“ kam erst zwei Jahre später –, wird im Film kein einziges Wort gesprochen, die Handlung ergibt sich aus der Abfolge der Songs.

Die Jesusgeschichte aus der Sicht von Judas: Da ist es nur folgerichtig, dass Carl Anderson als (farbiger) Judas Iscariot die eindringlichste Vorstellung und auch die beste Gesangsperformance abgibt, während Ted Neeley zwar sehr jesusmäßig aussieht, aber insgesamt etwas blass bleibt und nur mit seinem Solopart im Garten Gethsemane wirklich überzeugen kann. Eindrucksvoll auch Barry Dennen als Pontius Pilatus, der keineswegs als eindimensionaler Bösewicht dargestellt wird, sondern dessen Skrupel und Zweifel viel Raum gegeben wird. Wie es überhaupt dem Musical/Film weniger um eine bibelgetreue Adaption geht, sondern mehr darum, die Spannungen und Beweggründe der gegensätzlichen Pole Jesus, Judas, Pharisäer, Römer aus einer modernen Sichtweise heraus zu beleuchten. Herodes wird hingegen im Rahmen einer lachhaften Revue-Nummer vorgeführt, Josh Mostel zeigt hier viel Mut zur Hässlichkeit.

Anders als das – heute noch aufgeführte – Bühnenstück, das sehr zeitlos inszeniert ist, kann der Film keinen Moment die 70er Jahre abschütteln, was aber, angefangen vom allgemeinen Flower-Power-Hippieflair bis hin zu den teils schrillen Kostümen, auch einen guten Teil seines Reizes ausmacht. Vor allem aber lebt er von den großartigen, zeitlosen Songs, die einen schnell mitreißen – speziell das „Hosanna, Heysanna, sanna sanna ho“ und natürlich der Titelsong „Jesus Christ Superstar“ klingen noch lange im Ohr nach.


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