Shivers – Parasiten-Mörder

Parasiten-Mörder

Parasiten-Mörder (OT: Shivers); Regie: David Cronenberg; Kanada, 1975.

Darsteller:
Paul Hampton (Roger St Luc), Joe Silver (Rollo Linsky), Lynn Lowry (Nurse Forsythe), Allan Kolman (Nicholas Tudor), Susan Petrie (Janine Tudor), Barbara Steele (Betts), Ronald Mlodzik (Merrick), Barry Baldaro (Det. Heller), Camil Ducharme (Mr. Guilbault), Hanka Posnanska (Mrs. Guilbault), Wally Martin (Pförtner), Vlasta Vrana (Kresimer Sviben), Silvie Debois (Benda Sviben) …

Inhalt:
Ein Wissenschaftler ist auf der Suche nach einem Parasiten, der Organverpflanzungen überflüssig macht. Er möchte einen Organismus erschaffen, der den triebhaften Urinstinkt des Menschen neu beleben soll. Als er an einer jungen Frau experimentiert, gerät das Experiment außer Kontrolle. Der Parasit schaltet den Verstand des jungen Mächens vollkommen aus; sie wird zu einer blutrünstigen und Menschenfleisch fressenden Sexbestie. Sie verkehrt mit unzähligen Männern, in denen sich der Parasit vermehrt und somit ausbreitet. Alle, die vom Parasiten befallen werden, verwandeln sich in sexbesessene, mordlüsterne Bestien mit andersartigen sexuellen Phantasien …

Kritik:
„Das tägliche Leben im ‚Starliner‘ ist wie eine immerwährende luxuriöse Kreuzfahrt“, so buhlt der Werbefilm, der Cronenbergs „Shivers“ vorangestellt ist (und der wunderbare 70er-Einrichtungssünden in ockerbraunen Farben zeigt), um neue Mieter. „Entdecken Sie unser Inselparadies. Wenn Sie zu uns kommen, haben Sie die Gewissheit, in einem der letzten Reservate höchst anspruchsvoller Wohnkultur zu leben. Begleiten Sie uns auf der Kreuzfahrt durch die Jahreszeiten.“

Das Werbefilmidyll, das auch die vor Klischees triefende und leicht parodistisch erhöhte Anreise eines jungen Pärchens mit einschließt, wird jäh durchbrochen mit dem Blick in eines der Appartements, in der sich eine ebenso groteske wie grausame Szene abspielt: Ein älterer Mann kämpft mit einer auf Schulmädchen-Lolita zurechtgemachten jungen Frau, überwältigt und tötet sie, schneidet ihren Bauch auf und schüttet Säure hinein. Dann nimmt er sich selbst das Leben. Später erfahren wir, dass es sich um Dr. Emil Hobbes (Fred Doederlein), den Leiter der hauseigenen Klinik, handelte. Dieser hatte einen Parasiten gezüchtet, der die sexuellen Urinstinkte verstärken soll, allerdings auch einige Nebenwirkungen hat. Die junge Frau hingegen war eine gewisse Annabelle (Kathy Graham), die zuvor durch ihre sexuellen Aktivitäten den Parasiten weitergetragen hatte. Der Parasit, ein schleimiges Wurm-Etwas, verbreitet sich munter weiter und schon bald gleicht der vornehme Wohnkomplex ‚Starliner‘ einem Tollhaus der sexuell Entfesselten, das den Werbezeilen „eines der letzten Reservate höchst anspruchsvoller Wohnkultur“ hohnspricht.

Auswüchse, oder auch Mutationen der Sexualität: Das Thema reflektiert in bizarrer Übertreibung die Sex-Aufklärungswelle der 70er, findet sich aber auch als typisch Cronenberg’scher Topos in den Filmen „Videodrome“ (1983) und „Crash“ (1997) fortgeschrieben. Im Mittelpunkt entwickelt sich der Film zur voyeuristischen Reise von Zimmer zu Zimmer, die allesamt zu Schauplätzen übersteigerter sexueller Rituale geworden sind. Dr. Roger St Luc kämpft sich durch ein bacchantisches, obszönes und sehr oft lebensbedrohendes Spektakel und sieht sich am Schluss des Films einer Übermacht der Sexbesessenen gegenüber, die sich wie weiland die Zombies in Romeros „Nacht der lebenden Toten“ langsam und geschlossen auf ihn zubewegen und ihn schließlich in den Swimmingpool des Wohnkomplexes drängen, wo das ganze in einer an „Caligula“ erinnernden Wasserorgie endet.

„Shivers“ hat, als erster abendfüllender Spielfilm von Cronenberg, einiges an Trash-Appeal, wobei oft schwer auseinanderzuhalten ist, was davon beabsichtigt war und was auf Unvermögen oder den Zahn der Zeit zurückzuführen ist. Es gibt viele eklige und blutige Szenen, aber auch einige Momente, die ordentliche Suspense und Spannung aufbauen. Von den Schauspielern (unter ihnen Horrorfilm-Ikone Barbara Steele) bleibt keiner nachhaltig im Gedächtnis hängen, nicht im positiven, aber auch nicht im negativen Sinne. Cronenbergs Debüt ist eine schrille, respektlose Groteske, plakativ und billig, die aber gerade durch ihre Trivialität eine durchgreifende nihilistische Wirkung hat.

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Reviewdatum: 6. März 2006

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