Dr. Jekyll und Sister Hyde

Dr. Jekyll und Sister Hyde

Dr. Jekyll und Sister Hyde (OT: Dr. Jekyll and Sister Hyde); Regie: Roy Ward Baker; Großbritannien, 1971.

Darsteller:
Ralph Bates (Dr. Jekyll), Martine Beswick (Sister Hyde), Gerald Sim (Professor Robertson), Lewis Fiander (Howard), Susan Broderick (Susan), Dorothy Alison (Mrs. Spencer), Ivor Dean (Burke), Philip Madoc (Byker), Irene Bradshaw (Yvonne), Neil Wilson (Older Policeman), Paul Whitsun-Jones (Sergeant Danvers), Tony Calvin (Hare), Dan Meaden (Town Crier), Virginia Wetherell (Betsy) …

Inhalt:
Im London des frühen 19. Jahrhunderts forscht der junge Dr. Jekyll nach einem Verjüngungsmittel. Als Grundlage dienen ihm weibliche Hormone, die er aus dem städtischen Leichenschauhaus bezieht. Als er das Elixier an sich selbst testet, findet er sich zu seinem Erschrecken in eine schöne junge Frau verwandelt. Und somit ist Schwester Hyde geboren …

Kritik:
Erst spät, schon in der „Sex’n’Nudity“-Phase, widmeten sich die Hammer Studios dem bis dahin von ihnen nicht beackerten Jekyll-und-Hyde-Stoff. Als Regisseur wurde Roy Ward Baker verpflichtet, der zuvor schon „Gruft der Vampire“ und das Dracula-Sequel „Nächte des Entsetzens“ inszeniert hatte, den Jekyll gab Ralph Bates, die damalige Nachwuchshoffnung unter den Hammer-Schauspielern für das Gruselgenre, der 1970 in „Frankensteins Schrecken“ schon in Peter Cushings Fußstapfen treten durfte. Ex-„Miss Jamaica“ Martine Beswick, die seine weibliche Inkarnation spielt, kennt man aus den James-Bond-Streifen „Liebesgrüße aus Moskau“ und „Feuerball“, für Hammer spielte sie in „Eine Million Jahre vor unserer Zeit“ (1966) und in „Der Sklave der Amazonen“ (1967) mit.

Große Filmkunst darf man bei Hammer natürlich nicht erwarten, trashige Unterhaltung allemal. Gleich drei Topoi rührt Scriptschreiber Brian Clemens, der für Hammer auch den „Vampirjäger Captain Cronos“ schuf, hier zusammen: Die Vorlage von Stevenson würzte er mit einem Transgender-Plot, der gut in die androgyne Zeit passte, und schmeckte diesen schillernden Eintopf mit den authentischen Fällen von Jack the Ripper und den Leichenräubern William Burke und William Hare ab. Bei näherem Hinsehen stimmt da natürlich gar nichts mehr, denn unsere Geschichte spielt in London Ende des 19. Jahrhunderts, während Burke und Hare ihr Unwesen in Edinburgh ca. 1825 trieben. So nebenbei wird nicht so recht deutlich, woran Jekyll eigentlich genau forscht: ein Verjüngungsmittel, ein universelles Heilmittel?

Die Kernaussage von Stevensons Geschichte wird hier reichlich verwässert, denn Jekyll ist nicht nur als „Sister Hyde“ böse, sondern mordet auch vorher schon, ohne etwas vom Elixier getrunken zu haben. So beschränkt man sich auf den feinsinnigen Unterschied, dass Dr. Jekyll eben mordet, weil es die Wissenschaft gebietet, sein weibliches Alter Ego hingegen aus purem Spaß an der Freud. Ralph Bates legt dabei eine durchaus annehmbare Performance hin, die lediglich dadurch etwas geschmälert wird, dass man manchmal den Eindruck hat, dass er selbst nicht so genau wusste, ob sein Charakter nun als sympathisch oder als unsympathisch angelegt sein sollte. Egal. Der verquaste Film macht auf jeden Fall Laune, da hier auch weniger auf Horror gesetzt wird, sondern mehr auf leicht manierierte Unterhaltung, wozu nicht wenig die doppelte Liebesgeschichte rund um die Vermieterfamilie beiträgt: Deren Tochter verliebt sich in Dr. Jekyll, der Sohn macht „Sister Hyde“ schöne Augen. Dass das nicht gutgehen kann, ist klar, aber bis zum bitteren Ende sorgen diese Verwicklungen für einige amüsante Momente und Versteckspiele (Hyde and Seek sozusagen, hihi).

Einmal mehr erweisen sich die Hammer Studios als Meister darin, wenn es um Ausstattung und Lokalkolorit geht; sicher die stärksten Szenen sind die Darstellungen der nächtlichen Londoner Straßen, auf denen sich allerlei zwielichtiges Gesindel herumtreibt. „Dr. Jekyll and Sister Hyde“ ist ein vergnügliches Horror-Vexierspiel, das man in einer anderen Lesart durchaus auch als Lehrstück zum Thema sexuelle Befreiung sehen kann. Ein DVD-Reissue wäre stark wünschenswert, die Veröffentlichung von MCP bietet leider nur 4:3-Format und hat keine besonders gute Bildqualität.


Weitere Infos zum Film:
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Reviewdatum: 6. Januar 2007

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