Der Wolfsmensch

Der Wolfsmensch

Der Wolfsmensch (OT: The Wolf Man); Regie: George Waggner; USA, 1941.

Darsteller:
Claude Rains (Sir John Talbot), Warren William (Dr. Lloyd), Ralph Bellamy (Colonel Montford), Patric Knowles (Frank Andrews), Bela Lugosi (Bela), Maria Ouspenskaya (Maleva), Evelyn Ankers (Gwen Conliffe), J.M. Kerrigan (Charles Conliffe), Fay Helm (Jenny Williams), Forrester Harvey (Twiddle), Lon Chaney Jr. (der Wolfsmensch) …

Inhalt:
Nach einem Aufenthalt an einem amerikanischen College kehrt Larry Talbot (Lon Chaney Jr.) auf das Anwesen seines Vaters nach England zurück. Bei einem Spaziergang wird er von einer Bestie angefallen und verletzt. Er kann das Biest zwar mit seinem Wanderstock erschlagen, muss jedoch feststellen, dass sich das Untier nach dem Eintreffen der Polizei in eine menschliche Leiche verwandelt. Talbot selbst nimmt fortan stets zu Vollmond die Gestalt eines reißenden Werwolfs an.

Kritik:
Unter den klassischen Universal-Monstern fristet der Wolfsmensch ein Schattendasein und konnte nie die Popularität seiner „Kollegen“ Dracula und Frankensteins Monster erreichen. Zum einen mag das darauf zurückzuführen sein, dass hier keine konkrete Literaturvorlage die höheren kulturellen Weihen zu geben vermag, die Geschichte stützt sich auf folkloristische, allgemeine Überlieferungen des Werwolf-Mythos. Zum anderen hängt es sicher damit zusammen, dass die Maske des Wolfsmenschen deutliche Patina angesetzt hat und aus heutiger Sicht eher lächerlich wirkt.

Dennoch sollte man den Wolfsmenschen nicht vorzeitig abhaken, es entgeht einem der vielleicht atmosphärischste und schönste Universal-Horrorfilm nach 1940. Zum einen ist es der meisterhafte Soundtrack, der hier, omnipräsent und treibend, dem Stil der Zeit entsprechend wunderschön dick aufträgt und viel zur verwunschenen Atmosphäre des Films beiträgt. Diese entsteht vor allem durch die nebligen Locations des Zigeunerlagers oder des Waldes, die mit sorgfältiger, einmal mehr etwas expressionistisch angehauchter Kamerarbeit ins Bild gesetzt werden. Verdichtet wird das Märchenhafte durch die „Zeitlosigkeit“ der Erzählung, neben Pferdefuhrwerken kommen zwar auch Autos vor, andere Accessoires der Neuzeit wie Telefone sucht man hingegen vergebens. Immerhin darf ein Teleskop metaphorisch für den aufgeklärten Rationalismus stehen, der hier gegen den heidnischen Aberglauben in Aufstellung geht.

Der „Wolfsmensch“ Larry Talbot wird als moderner, weltoffener und den Reizen der Frauen nicht abgeneigter Amerikaner dargestellt, und seine Geschichte ist gleichzeitig die immer wiederkehrende Geschichte des Heimkommenden, der als Fremdling im eigenen Land misstrauisch beäugt und abgelehnt wird – ein Bezug, den Skriptschreiber Curt Siodmak als deutscher Jude und Emigrant sicher nicht unbeabsichtigt als Parallele zu den Geschehnissen in Nazideutschland angelegt hat. Auf einer tieferen Ebene stehen die psychologisch-sexuellen Implikationen. Die freudianischen Konstrukte des Es, des Ich und des Über-Ich finden sich unschwer in den Gestalten des Frauen anfallenden Werwolfs, des an sich selbst hadernden Larry und seines Vaters, der schlussendlich die bestrafende und tötende Instanz bildet, wieder. In einer ersten Version des Skripts stand die psychologische Komponente sogar noch mehr im Vordergrund, hier sollte der Werwolf gar nicht gezeigt werden und es sollte offengelassen werden, ob nicht alles auf Larrys Schizophrenie zurückzuführen sei. Aus kommerziellen Erwägungen entschied sich das Studio jedoch für den klassischen Monsterfilm.

Der Film wartete mit einem großen Starangebot auf, die Hauptrolle kam dabei nicht dem Wolfsmenschen Lon Chaney Jr. zu, sondern Claude Rains als seinem Vater, der sich schon als „Der Unsichtbare“ einen Namen gemacht hatte. Beide überzeugen in ihren Einzelrollen, weniger aber im Zusammenspiel – schon das körperliche Missverhältnis des bulligen und großen Chaney zum einen Kopf kleineren Rains trübt die Glaubwürdigkeit der Rollen. Bela Lugosi als wahrsagender Zigeuner hat wenig Screentime und kann kaum Akzente setzen, umso prägender ist das Spiel von Maria Ouspenskaya als alte Zigeunerin, die als „guter Geist“ immer wieder überraschend auftaucht. Trotz Schwächen wie dem eher langweiligen Subplot der polizeilichen Ermittlungen kann „Der Wolfsmensch“ als zeitloser Klassiker voll und ganz überzeugen und man nimmt ihn gerne auf in die liebgewonnene Galerie der klassischen Monster.


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